londonEin Plädoyer für Klassenfahrten – auch ins Ausland ? Gerade ins Ausland!

Wir befinden uns auf Klassenfahrt in London … wir, das sind Schüler und Schülerinnen zweier Klassen 12 der Fachrichtung Sozialwesen, sowie drei betreuende Lehrer*innen.

Wir haben uns schon mehr oder weniger ans Quartier gewöhnt, haben eine Stadtrundfahrt, das Florence Nightingale Museum und viele kleine Begegnungen hinter uns …

… und nun befinden wir uns abends auf dem Weg zur Brick Lane im multikulturellen Londoner Osten. Tosender Verkehr, 35 Leute stehen an der Ampel, wer nicht aufpasst, wird von einem um die Kurve jagenden Wagen erwischt. Auf dem Bürgersteig trommelnde Demonstranten, die lautstark gegen die wachsende Gentrifizierung des Londoner East Ends wettern, die Silhouette der beleuchteten Gebäude ist erschlagend … und dann: „Frau Langhorst, was wir uns die ganze Zeit schon fragen – gibt es in London eigentlich keine Trecker?“ ‚Waaas??? Soll das ein Scherz sein?‘ Ich antworte lahm und versuche, ruhig zu bleiben.

Nein, es handelte sich nicht um einen Scherz. Diese Frage trieb die betreffenden Schülerinnen anscheinend um. Nach meinem anfänglichen Staunen beginne ich, diese Szene zu ergründen. Was spielte sich hier eigentlich ab?

Die Jugendlichen haben – nicht freiwillig und privat, sondern innerhalb der Institution Schule - ihren angestammten Lebensraum verlassen und sehen sich relativ plötzlich und unvermittelt einer komplett fremden Umgebung ausgesetzt. Sie werden sozusagen mit Lichtgeschwindigkeit und voller Wucht aus ihrer Wohlfühlzone katapultiert. Mit der Frage tun sie also nichts weiter, als ihre Lebenswirklichkeit mit dem aktuellen Umfeld abzugleichen. Wenn man dann noch vom platten Land kommt, wo Traktoren tatsächlich einen integralen Bestandteil des Lebens ausmachen, ist dieser Vorgang vielleicht noch schwerwiegender.

In besagtem Fall ist das nämlich so. Wir sind angereist aus dem beschaulichen Nordhessen, wo es noch üblich ist, zuhause einen Hof zu haben, wo die jungen Menschen unter Umständen besser Trecker als Auto fahren können, wo man reisetechnisch allenfalls die Türkei all inclusive kennt. Und dann in den Moloch London? Muss das denn sein? Geht das überhaupt gut? Und vor allem: Wo bleibt der Sinn bei einer solchen Unternehmung – abgesehen vom Nährwert für die Lehrpersonen, die mal wieder Stadtluft schnuppern wollten und diese Gelegenheit am Schopfe gepackt haben?

Kurze Antwort an dieser Stelle: Ja, es muss sein, ja, es geht – wenn auch gelegentlich mit Schmerzen, und ja, es hat einen Sinn – und nein, Urlaub für die Betreuer ist das ganz bestimmt nicht.

Das Verlassen der Wohlfühlzone beginnt spätestens bei der Ankunft im Hostel. „Oh, nein Schimmel! Das geht ja gar nicht, da sind wir aber anderes gewohnt. Und überhaupt, die Zimmer sind viel zu eng!“ Es steht nun außer Frage, dass Schimmel keine wünschenswerte Zutat bei einer Reise ist und es zweifellos angenehmer wäre, wenn die Erwartungen aller erfüllt würden. Das ist jedoch in diesem Fall nicht so, Schimmel und nicht immer lupenreine Teppichböden sind in ganz London ein hässliches aber durchaus übliches Phänomen. Also, entweder nach Hause fahren oder durchhalten. Man entschied sich für Durchhalten, das Personal des Hostels hat sich am nächsten Tag mit Farbe bewaffnet an die Arbeit gemacht. Und siehe da, es war plötzlich nicht mehr so schlimm.

Es geht weiter mit der Begegnung mit einer Klasse aus Bielefeld, bei der einige türkischstämmige Schüler sich ziemlich daneben benehmen, indem sie z.B. im Foyer des Hostels ganz laut „Ja, Deuttttschland!!!“ brüllen. Dabei bedrängen sie unsere Mädchen. Eine pervertierte Situation – die niemand so erwartet hat. Wie gehe ich als Deutsche/r damit um - in dem Land, was ja immer noch mit sich ringt, wenn es um Deutsche geht? Sage ich, wie nun von unseren bedrängten Schüler*innen zu hören ist: „Diese Kanaken sollen mal ihre Fresse halten – das sind nie und nimmer Deutsche!“ Nein, geht natürlich nicht. Erstens sind es wahrscheinlich Deutsche –im Besitz eines deutschen Passes, zweitens wollen wir lernen, nicht an der Nationalität hängenzubleiben und drittens ist mit Pöbeln sowieso niemandem geholfen. Also in diesem Falle vielleicht lieber als erste spontane Äußerung ‚Vollidioten‘ oder ‚ Arschlöcher …‘.

Spätestens an einer solchen Stelle kommt dann die Kommunikation innerhalb der Gruppe ins Spiel. Wenn nötig unter Anleitung der Lehrkräfte sollte eine solche Situation reflektiert, diskutiert, besprochen werden …. Und wenn es gut läuft, eröffnen sich Möglichkeiten, wie man anders – konstruktiver - reagieren könnte, um den unliebsamen Zustand zu beenden. Während einer Klassenfahrt lässt sich so etwas leicht bewerkstelligen, abends beim Essen, im Bus …Überhaupt hat man auf einer Fahrt viel Zeit und man lernt sich auch von einer anderen Seite kennen – ohne dass die Schüler*innen sich ständig an die Fersen der Lehrer*innen heften müssen.

In unserem Fall hat auf jeden Fall irgendjemand den Zustand abgestellt, am nächsten Abend waren betreffende Jungs handzahm.

Und wozu das Ganze, wenn man seine Zeit doch viel entspannter an einem Strandhotel oder zuhause bei seinen Lieben verbringen könnte, ohne diesen ganzen Stress und Ärger? Genau weil – neben Spaß, einem schicken Hotel und lustigen Abenden die Auseinandersetzung mit unliebsamen Situationen, unsympathischen Menschen und Überforderung Bestandteil des Erwachsenwerdens, des alltäglichen Lebens ist. Diese Schüler*innen werden in Kürze als Erzieher*innen, Grundschullehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, Altenpfleger*innen in die Welt gehen– und sei es auch die vergleichsweise übersichtliche Welt Nordhessens. Und da wollen wir sie haben mit Lebenserfahrung, einem Horizont, einem Blick für Vielfalt und mit Problemlösungskompetenz. Ich möchte mich später im Altenheim auf jeden Fall gescheit unterhalten können – auch mit dem Personal, was dann ja nun mal einen großen Teil meines sozialen Umfeldes ausmachen wird.

Und ich bin auch dafür, dass die künftigen Lehrer*innen und Erzieher*innen immer mal wieder ihr selbst gewähltes Umfeld verlassen und Dinge tun sollten, die sich auf den ersten Blick möglicherweise jenseits ihres Horizontes abspielen. Denn schließlich sind sie es, die, neben Mathematik, Deutsch, Erdkunde oder Sport, ihre Weltsicht weitertragen an die nachfolgenden Generationen. Das gleiche trifft übrigens auf angehende Automechaniker, Ingenieure, Verwaltungsangestellte zu.

Einen kleinen aber vielleicht nicht zu vernachlässigenden Beitrag zur Horizonterweiterung liefert eine gut geplante und verantwortungsvoll durchgeführte Klassenfahrt – ja, auch ins Ausland!

Ganz abgesehen davon, dass Schüler*innen nach Jahren mehr oder weniger erfreulich erlebten Englischunterrichts endlich mal testen können, wie weit sie in der Sprache kommen. Dies haben in London alle mit Freude getan und sie waren größtenteils überrascht, dass sie doch mehr können, als sie dachten. Auch ein nicht zu unterschätzender Effekt.

Und wo steht überhaupt geschrieben, dass Spaß bei der Arbeit für Lehrkräfte schädlich ist? Begeisterung und Freude am Tun kann als großer Motivator im Dienste der Schüler*innen stehen.

Fazit:

Auslandsfahrten - dazu gehören neben den klassischen Klassenfahrten, Reisen im Rahmen europäischer Projekte, Praktika im Ausland - sind machbar, sinnvoll und anregend. Es wäre schön, wenn die Kolleg*innen, die eine solche Fahrt planen, ohne den Überzeugungsmarathon im Vorfeld auskämen und Bemerkungen wie ‚Ach, schon wieder Urlaub gemacht?‘ gänzlich der Vergangenheit angehörten. Denn Schule gehört auch nach draußen. Und Draußen ist ein weites Feld.

Andrea Langhorst, Dezember 2014



Back to top

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.